Ausnahmezustand – Wenn auf die Fresse das Ehrlichste ist

So habe ich "Die Freiheitsdemo" in Berlin erlebt

Mittwoch, der 18.11.2020, ist ein Tag – der mir keine Antworten liefert. Alle haben gewonnen. Alle berufen sich darauf, Recht zu haben. Alle streben nach dem totalen Sieg. Ich spüre, es herrscht definitiv ein Ausnahmezustand im Land. Wir drehen uns unaufhörlich im Kreis und eskalieren. Keiner kann oder will Wunden schließen, alle wollen kämpfen. Und so ist ein Versprechen am Ende des Tages, das Ehrlichste was ich als Resümee mitnehmen kann. Aber der Reihe nach.

Meinung:  Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder. Eine eigene Bewertung bedeutet nicht automatisch, richtig zu liegen. Autor: Stev DrewsKeiner von uns kann es leisten sich dafür zu verbürgen, dass die Zukunft ihm Recht gibt. Doch wir können zur Demokratie beitragen bringen wir uns ein, nach bestem Wissen und Gewissen. (Stev Drews/DER-BARNIMER)

Gegen 10.00 Uhr komme ich in der Wilhelmstraße in Berlin an. In dieser befinden sich mehrere Gebäude des Deutschen Bundestags. Ich gebe mich als Medienvertreter zu erkennen und kann passieren. Für die meisten Menschen ist hier Schluss. Die Straße, die von Polizeifahrzeugen gesäumt ist, sie gibt mir das Gefühl – hier lässt sich Politik vom Volk abriegeln. Auf der Marschallbrücke und beidseitig am Reichstagufer sind Demonstranten versammelt. Auch sie sind durch Polizeikräfte von den Bundestagsgebäuden der Wilhelmstraße getrennt. 

Ausnahmezustand
Die Wilhelmstraße ist dich

Ich sehe wieder Alte und Junge, ich beobachte Otto-Normalbürger-Typen, wie auch eher etwas skurril wirkende Menschen. Über Lautsprecher kritisieren Redner, dass Kinder mit Masken im Unterricht sitzen müssen, dass Grundrechte in Gefahr sind und Daten, die die Regierung Merkel als Grundlage für die derzeitige Coronapolitik heranzieht, keinen Bestand hätten. Weiter sehe ich, wie Menschen an Absperrgittern mit Polizisten diskutieren. Ich höre Appelle an die Vernunft, Fragen nach dem Gewissen bis hin zu harten Vorwürfen und tiefste Verachtung. Es gibt allerdings auch sachliche Gespräche in diesem Umfeld.

Die Kommunikations-Truppe der Polizei

Ein solches Gespräch suche ich mit zwei Polizeibeamten des sogenannten Kommunikationsteams. Mich interessiert, ob es bei den Beamten Verständnis für die Belange der Demonstranten gibt. Die Antworten hören sich zumindest nicht nach Floskeln an. Das wäre allerding auch peinlich für Beamte mit entsprechendem Kommunikations-Job. Das Gespräch dauert schon etwas länger. Frau B. und Herr R. sehen sich nicht als Verhinderer von Demonstrationsrecht oder Meinungsäußerung. Selbst teilen sie aber nicht jede Position der Demonstranten.

Und sie sind nicht neidisch auf Kollegen, deren Aufgabe spätestens dann ruppig werden kann, wenn Kommunikation nicht mehr ansteht. Ich frage, wie sie damit umgehen würden, wenn die Geschichte denen nicht Recht gäbe, die für Einsatzbefehle verantwortlich zeichnen. Wie reden von Einsätzen, die sie gerade umzusetzen haben. Nun gut, die Frage ist im Grunde vollkommen schwachsinnig, da die Antwort schon klar ist. Job ist Job. Ein Polizist weiß worauf er sich einlässt. Auch beim Kommunikationsteam ist das vollkommen klar. Später verrät mir noch ein anderer einsatzleitender Beamter, dass Beeinflussungsversuche auf gerade junge Beamte eher das Gegenteil, als den gewünschten Effekt bewirken. Sorry an alle Träumer. Es gibt nicht nur euch und eure Sicht der Dinge. Es gibt eben auch nicht wenige Menschen, die vollkommen “coronakonform” zur Merkelregierung sind. Für wen sollte sich ein Polizist jetzt entscheiden? Das kann er nur schwerlich. Also folgt er dem Einsatzbefehl.

Und der Tanz beginnt

Ein paar Minuten später beobachte ich, wie Beamte eine junge Frau gegen die Wand des Bundestagsgebäudes mit der Hausnummer 68 drücken. Sicherlich auch ein Bild, das auf einen Ausnahmezustand, den wir ggf. schon erleben hinweist. Ich nähere mich auf rund 2 bis 3 Meter an und frage die Festgehaltene nach dem Grund. Sie antwortet, dass ihr vorgeworfen würde Beamte geschubst zu haben, was gelogen sei. Da ich immer versuche, mir beide Seiten anzuhören, will ich die Beamten nach dem Grund des Geschehens fragen. Doch “datt wird nix”.

Ausnahmezustand

Ich filme mit Verdoppler, muss also gar nicht zu dich an das Szenario. Blöde bin ich nun auch nicht. Dennoch stellen sich mir Polizisten in den Weg. Sie wollen, dass ich das Filmen unterbreche. Ein erhobener Vorwurf, ich behindere die Festnahme und hätte mich dieser auf 30 cm genähert. Ich meinerseits bestehe darauf, meinen Job weiter zu machen und erkläre diesen bisher aus angemessenem Abstand erledigt zu haben.

Es wird laut und es wird “gefummelt”. Allerdings nicht durch mich. Der Beamte versucht es auch, mit “sehr laut reden”. Genau mein Ding. Ich liebe die sportliche Auseinandersetzung. Darum ist dagegenhalten angesagt. “Hätten Sie etwas gegen mich in der Hand, hätten Sie mich schön längst festgenommen”, ist mein Text. Ob ich darauf aus wäre fragt man mich. Nein, ich will einfach meinen “fucking Job” erledigen. Am Ende entwickelt sich das Ganze eher zu einem Schwanzvergleich, was zugegeben auch nicht wirklich hilft. Obwohl ich das Gegenteil behaupte, gewinnt den die Polizei. Ich kann mich weder weiter bewegen, noch weiter arbeiten, wenn ich die Kamera nicht ausschalte. Polizei – DER-BARNIMER = 1-0. Scheiße.

Kein Weiterkommen

Ich sehe das letzte Erlebnis sportlich. Was bleibt mir auch, lach. Erst einmal alles geben, auch wenn klar ist, dass es nicht reichen wird. Meine Chancen standen halt nicht gut, also nehme ich diese Niederlage hin. “Keine Arme – Keine Kekse”, so ist es halt manchmal im wahren Leben – ausserhalb von pubertären Heldengeschichten.

Schon wieder tanzen – nur anders

Ich begebe mich zum Brandenburger Tor. Genauer ausgedrückt, hinter das Brandenburger Tor. Zu diesem Zeitpunkt ist die Stimmung dort noch recht fröhlich. Es ist wirklich bunt und getanzt wird, dass die Rastalocken fliegen. Grundrechte verteidigen wollen, das stelle ich mir schon etwas anders vor. Allerdings bin ich zum Glück nicht das Maß der Dinge, “da ich ja so für meine Geduld bekannt bin” – gut lassen wir das besser. Da kommt nichts bei rum.

Tanzen für Grundrechte

Jetzt ab zum Duschen

Nun mal ohne Quatsch. Wer bitte wollte ihn nicht, den Ausnahmezustand? Ich behaupte jetzt ganz frech, so konnten endlich die erhofften Bilder entstehen. Entsprechende Politiker und die Polizeiführung können nun demonstrieren wie entschlossen sie sind. Das Gleiche gilt wohl auch für die meisten Anwesenden, die nun kräftig duschen. Es gibt kaum bessere Bilder für alle Seiten. Und sind wir ehrlich, den (Zecken-)Kärcher gab es nicht wirklich. Es war dann doch eher die Dusche von oben. Ich empfand sie sogar als recht warm. Frage: “Können die das Wasser anwärmen?” Falls ich falsch liege – ich stamme von der Insel Rügen. Für viele Menschen in Deutschland ist es dort immer zu kalt. Ich allerdings liebe es (ihr Lappen).

Allerdings das Gas war dann schon unangenehm, so wie immer. Problem: Du kannst später die Hände waschen so oft wie du willst. Diesem Zeug mit Seife beikommen, das kannst du vergessen. Stunden später im Gesicht rumgefummelt und du heulst gleich wieder wie ein Schosshund. Echt reudig dieses Gemisch. Außerdem macht mir dieses Gas Kopfschmerzen, wenn ich zu viel davon bekomme.

Aber gut, auch ich stehe wo ich stehe, weil dort eben Bilder und Eindrücke auf mich wirken, die hinter der Absperrung für mich weniger authentisch sind. So ein Polizeihelm im “Wasserwerferregen” wirkt erst in der unmittelbaren Nähe richtig. Alles Andere ist Pillepalle. Ja sorry, ich liebe es, wenn ihr Sheriffs so schön vom Wasser gezeichnet seid. Wenn wir alle nass sind, passt das.

Ausnahmezustand
Polizei im Wasserwerferregen

Ausnahmezustand wie gewünscht bitte

Wie schon angedeutet. Für viele hat so ein Ausnahmezustand gutes Potential, die eigene Propagandamaschine richtig in Schwung zu bringen. An dieser Stelle sind alle “Spieler” gleich. Von daher interessiert mich so manches Gejammere nicht, welches infolge zu vernehmen ist. Am 18.11.2020 entsteht meiner Einschätzung nach ein Pattsituation. Alle haben gewonnen, aber irgendwie auch keiner. Wie ich das finde? Ehrlich gesagt es berührt mich nicht ansatzweise. Ich habe schon härtere Auseinandersetzungen erlebt. Und das ist definitiv so. Ich beobachte an besagtem Tag wie immer von Mittendrin statt nur dabei, ohne eine “Asphaltflechte”, ohne einen Tropfen Blut an mir, ohne Prellungen zu verzeichnen. Gut Menschen empfinden halt unterschiedlich. Es gibt auch aktuell wieder jene, die überfordert sind. Nur sorry, Widerstand ist halt kein “Rosa Ponyhof”. Aufwachen ihr “Rebellen”.

Den Ausnahmezustand, den man mit auslöst, man sollte ihn auch abkönnen, ohne zu heulen. Oh wie schlimm, der “Bulle” hat geschubst oder geschlagen. Ja das habe ich aktuell auch erlebt. Allerdings eben auch Angriffe auf die Staatsdiener. Und nun? Das “Problem” besteht für mich eher darin, dass Absender und Adressaten in solchen Situationen nicht immer unbedingt zusammengehören. Nur lässt sich das eben kaum vermeiden, ihr Freizeit-Revoluzzer. Verdammt werde ich nach diesem Artikel wieder geliebt. (Lach) Ist mir aber volkommen Latte, wenn ich ehrlich bin.

.Jetzt heulen gleich wieder ein paar Leute. Irgendwer heut übrigens immer. Ehlich gesagt ist mir auch das vollkommen Schnuppe. Wieder ernsthaft? Ich habe mich schon immer mit allen Menschen unterhalten. Ob die nun von links- oder rechtsaußen kommen oder Fanatiker sind bzw. sein sollen – das interessiert mich nicht ansatzweise. Ich kann halt den Kosmos anderer Menschen nur dann verstehen, wenn ich mit ihnen rede. Und ja mich interessiert, warum manche Menschen so kaputt sind – oder vielleicht auch ich.

Es muss dann nicht meins sein, was ich höre, ich muss nicht gut finden was jemand sagt, aber ich will begreifen, warum er/sie so tickt. “Bekoppte” waren mir schon immer lieber, als jene, die vorgeben die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. DER-BARNIMER war noch eine Göre, als ihm gesagt worden ist, der sebstgestricke Wollpullover sei falsch herum angezogen. Nein, die dicken nach innen getragenen Nähte machten nach innen keinen Sinn, wenn sie kratzen. Fertig,

Der Mann von der ANTIFA

Ausnahmezustand
ANTIFA-Begegnung mal anders

Matti, den Namen habe ich geändert, ist mit einer kleinen Personengruppe auf dem Pariser Platz. Im Grunde scheint fast alles vorbei, aber die Damen und Herren haben sich ein bisschen Musik mitgebracht, ihre Flagge und machen gerade auf gemütlich. Ich filme aus inmittelbarer Nähe. Irgendwann kommt Matti auf mich zu. Klar will er wissen, was ich da treibe und wer ich bin. Dann bittet er mich darum, ein Foto von ihm zu schießen, was ich an ihn versenden möge. Ich denke mir: “Klar du Sack, bekommst du” und grinse innerlich. Er hat gerafft, dass ich es gerafft habe. Wir fangen an ernsthaft zu reden und zu streiten, um uns schließlich einen Glühwein zu holen, weil es langsam trocken wird in der Kehle.

Matti ist mit Sicherheit kein dummer Mensch. Er hat schon ein bisschen was von der Welt gesehen. Der Mann redet nicht über Marx sondern von Sozialdarwinismus und bekommt mich mit sozialen Themen, die mir schon immer wichtig sind. Ich hingegen verarzte ihn, dass ich schon immer mehr Punk war, als er je sein wird. Und auch damit, dass ich die sozialistische Kaderschmiede, “Pionierrepublik Wilhelm Pieck”, im Gegensatz zu ihm aktiv und von innen “erleben durfte”. Gebracht hat das aber offensichtlich auch nichts. Es ist ein wirklich skurilles Gespräch. Allerdings versucht mich so ein “ANTIFA-Beflaggter” mal nicht mit Steinen oder Flaschen zu erlegen, was sonst eher der Fall ist. Stattdessen saufen wir halt Glühwein und finden erschreckenderweise auch noch ein paar gemeinsame Nenner.

Keiner hat die Wahrheit

Nicht Matti, der sich seltsamerweise auf einmal als Befürworter der Regierung sieht, nicht die Coronamaßnahmenkritiker auf der anderen Seite, nicht die Polizei die dazwischen steht, auch nicht Politiker die gerade ein Gesetz beschließen, in dem das Wort “ermächtigt” 25-fach geschrieben steht – als wäre der Name dieses Mach(t)werks nicht schon Steilvorlage genug. Doch das Thema werde ich jetzt nicht aufmachen.

Ausnahmezustand
Grundrechte, Freiheit, Frieden – Themen die Protestler bewegen

Fakt ist, Deutschland ist zerrissen wie lange nicht mehr. Viele neue und alte Wunden sind aufgebrochen. Doch keiner kann sie heilen. Nur wenige Menschen versuchen diesen Ansatz. Die Meisten wollen einfach nur gewinnen um jeden Preis. Im Zweifel lieber König über Ruinen, mit der Hoffnung daraus aufzuerstehen, als sich unterprivilegiert fühlen im Hier und Jetzt. Also Alles oder Nichts.

Matti werfe ich noch gegen den Kopf, dass auch “seine Truppen” wie alle Anderen dem Sieg um jeden Preis nachjagen. Seine Antwort: “Mag sein”. Am Ende hatten wir ein wirklich gutes Gespräch, was aber auch nicht über die Realität hinwehtäuschen kann. Und so versprechen wir uns zum Abschied: “Beim nächsten Mal wieder auf die Fresse”.

Resümee zum Ausnahmezustand in Berlin?

Igendwie ein komisches Gefühl, dass (dennoch) “auf die Fresse” der ehrlichste Moment des gesamten Tages für mich gewesen ist. Das kann nur ein Ausnahmezustand sein. Oder?

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